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An die Schlei sollte es also gehen. Ein neues Revier erkunden. Vielleicht einen Abstecher in die Ostsee wagen. So der Plan für unseren Sommertörn 2023. Der Blick auf die Wettervorhersage verhieß alles andere als sommerliches Wetter. Sollen wir dafür tatsächlich eine Fahrt von acht Stunden in Kauf nehmen? Zumal meine Frau schon am Dienstag wieder per Bahn zurückfahren muss.
Nach kurzer Beratung fällt die Entscheidung: Wir fahren nach Friesland, Niederlande. Dort sind wir viel schneller und wenn es uns gar nicht gefällt, packen wir einfach wieder ein und fahren alle früher nach Hause. Außerdem gibt es auch hier viele Ecken, die wir nicht kennen.
28. Juli 2023 – Düsseldorf
Ausgangshafen wird Wellekom Watersport in Woudsend sein. Aber bevor es losging, musste erstmal alles gepackt und verstaut werden. Für Freitag, meinen ersten Urlaubstag, war die Abfahrt geplant. Doch ich habe völlig unterschätzt, wie lange es dauert, alles zu verstauen. Es fehlt mir einfach noch die Routine. Und so wurde aus der geplanten Abfahrtszeit von 10:00 Uhr schließlich 13:30 Uhr. Ganz schön knapp, denn der Hafenmeister ist nur bis 18:00 Uhr verfügbar. Kaum sind wir auf der Autobahn, meldet sich das Navi: „Aufgrund einer Sperrung auf der A3 wurde ihre Route neu berechnet.“ Eine Ankunft vor 18:00 Uhr war damit höchst unwahrscheinlich. Außerdem hätten wir ja noch das Boot kranen müssen. Also drehen wir wieder um und fahren nach Hause. Morgen erfolgt ein neuer Start.
29. Juli 2023 – Düsseldorf & Woudsend
Um 10:00 Uhr geht es dann sehr entspannt los; es war ja schon alles gepackt. Gegen 14:15 hängt die Charlie am Haken und wird ins Wasser gesetzt. Endlich, der Urlaub beginnt. Mithilfe des neuen Jütbaumes stellen wir den Mast. Das ging deutlich besser als nur per Hand, aber wir müssen uns noch etwas überlegen, um den Baum seitlich zu stabilisieren, damit er nicht ausschert.
Abends gönnen wir uns ein köstliches Essen im „De Plaets“. Es dauert ungewöhnlich lange, bis wir endlich bestellen können. Das ist unsere Bedienung auch aufgefallen und so gibt es als Entschädigung für jeden ein Dessert nach Wunsch „aufs Haus“.
Zu dritt im Boot ist es recht gemütlich (soll heißen: eng). Doch wir arrangieren uns ganz gut damit. Es gibt „Themenboxen“ (Küchenkiste, Materialkiste), sodass alles seinen Platz hat, was nicht in die Schubladen und Ablagen passt. Die neu angeschaffte Kühlbox soll sich in den kommenden Tagen noch bewähren.
30. Juli 2023 – Joure
1005 hPa
Nach einer recht erholsamen Nacht (zumindest für die von uns, die eh immer gut schlafen) und dem Frühstück an Bord (inklusive frisch gebrühten Kaffees) soll es heute nach Joure gehen. Dort waren wir noch nie und angesichts des prognostizierten Windes (> 4 Bft und Böen) wollen wir es ruhig angehen lassen; Kanalfahrt ist angesagt. Aber zunächst muss noch das Rigg fertig eingestellt werden. Ich versuche es mit der sogenannten “Zollstock-Methode” und bin begeistert, wie schnell und einfach das funktioniert.
Um kurz vor 13:00 Uhr geht es schließlich los. Wir sind, was die Manöver angeht, noch nicht eingespielt, und entsprechend läuft auch das Ablegen ab. Es ist sehr eng. Der Wind drückt den Bug schneller herum, als ich Fahrt ins Schiff bekomme. Aber am Ende sind wir ohne jegliche Blessuren unterwegs.
Immer wieder regnet es Schauer auf uns herab. Der Motor verrichtet sehr zuverlässig seinen Dienst. Mit nicht mal halbem Gas machen wir 5 Knoten Fahrt. Da ist noch viel Reserve vorhanden. So war es auch gedacht, als ich mich im letzten Jahr für den gebrauchten 6PS Tohatsu SailPro entschieden hatte. Es soll ja auch mal in Bereiche gehen, in denen es durchaus Strömung setzen kann.
Für heute bleiben wir aber in den Kanälen und queren ein paar der friesischen „Meere“. Aufgrund des zunehmenden Windes und der langen Fetch werden wir hier auch mal durch eine ordentliche Welle geschaukelt. Vor allem die Manöver zum Festmachen vor den Brücken stellen uns am Anfang noch vor Herausforderungen, weil der Wind uns an die Pfähle drückt. Doch wir lernen schnell.
Das Anlegen in Joure gelingt wirklich gut. Es zeigt sich wieder: „In der Ruhe liegt die Kraft.“
Leider ist das für heute geplante Ballonfest wegen des Wetters abgesagt worden.
Abends gibt es Spaghetti Carbonara aus der eigenen Kombüse.
Die Nacht wird dann doch etwas unruhig. Der Wind schiebt uns in die Box und es regnet beständig. Also schlüpfe ich nochmal aus der warmen Koje, lege eine weitere Spring und bringe am Bug, für alle Fälle, noch einen Fender an. Außerdem erweisen sich die Fensterdichtungen als undicht. Durch Temperaturschwankungen und Schiffsbewegungen haben sich die Stöße der Dichtungen geweitet. Müllbeutel, die wir über die Fenster legen, beheben das Problem erstmal.
31. Juli 2023 – Joure
1008 hPa
Hafentag in Joure. Es bläst und gießt. Der Besuch beim lokalen „Marinebdrijf“ erweist sich als Reinfall. Der örtliche “Baumarkt” auf der Midstraat ist deutlich besser sortiert.
Einen Besuch ist das Museum wert. Hier gibt es einiges zu sehen rund um die Geschichte der Firmen Douwe Egberts und Pickwick, sowie der hiesigen Handwerksgeschichte im Uhrenbau, der Metallverarbeitung und der Druckerei. Für Kinder gibt es etliche Stationen, an denen man etwas ausprobieren kann.
Nach den vielen gelaufenen Schritten (wollten wir nicht eigentlich einen Segelurlaub verbringen?), belohnen wir uns am Ende des Tages mit einer Pizza.
1. August 2023 – Joure
996 hPa
Eigentlich war ursprünglich geplant, dass meine Frau am heutigen Tag per Zug abreist und wir sie daher an einen Ort mit Bahnhof bringen. Aber auch heute sieht die Vorhersage nicht gut aus: 5Bft, Böen bis 35kn, Regen. Auch unseren Sohn hält es nicht auf dem Boot (wer kann ihm das bei diesem Wetter verübeln) und so steigen die beiden in den Bus und machen sich auf den Heimweg. Auch ich war versucht, die Heimreise anzutreten. Aber es reizt mich auch, alleine zu bleiben.
Morgen Vormittag gibt es ein Fenster mit weniger Wind, dafür aber ordentlich Regen. Im Grunde ist der Wind auf den Kanälen ja weniger ein Problem, aber die Vorstellung, die Warte-Situationen vor den Brücken bei viel Wind alleine zu meistern, macht mich doch ein wenig nervös. Also soll es dann morgen früh um 09:00 Uhr durch die erste Brücke gehen.
Ich genieße meinen ersten Solo-Tag, optimiere noch etwas die Ordnung an Bord und gehe früh schlafen.
2. August 2023 – Heeg
994 hPa
Ursprünglich wollte ich nach Woudsend fahren, um dann bereits am Donnerstag abzureisen. Aber das erschien mir nun doch als zu simpel. Also packe ich mich in meine Regenklamotten und fahre los. Ziel: Passantenhafen Heeg.
Vorhersage: Ost 1-2, ab Mittag bis auf 5 zunehmend, auf SW drehend, Böen bis 7. 0900 einsetzender Regen, 1000-1300 ergiebiger Regen.
Für das Ablegen erbat ich mir Hilfe vom Nachbarn, sodass der Start um 09:00 Uhr schonmal sehr entspannt war. Die Warte-Stops vor
den Brücken haben recht gut funktioniert. Auch, wenn die Route nicht wirklich kompliziert war, wollte ich doch zwischendurch
immer mal wieder auf dem Handy nachschauen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Dabei hat sich gezeigt: Navigation mit
Touch-Displays bei Regen funktioniert gar nicht. Zunächst bildete sich Kondensfeuchtigkeit in der „wasserdichten“ Hülle.
Und ohne Hülle gelang die Bedienung mehr schlecht als recht. Dies war umso ärgerlicher, als dass man die Brückenöffnungen
hier per Handy-App anfordern kann.
Dass ich zu Hause noch das Echolot installiert hatte, erwies sich als sehr sinnvoll, denn teilweise wurde es abseits der
Betonnung so untief, dass auch unsere 75 cm knapp geworden wären.
Im Satellitenbild hatte ich mir am Vorabend angeschaut, wo sich im Hafen die kürzeren Boxen befinden. Daher konnte ich ganz entspannt in den Hafen einfahren, in Ruhe die Leinen vorbereiten, mich bzgl. des Windes orientieren und überlegen, wie ich am besten in die Box einfahre. Und was soll ich sagen: Diesmal hat es sehr souverän funktioniert. Ich hatte zwar jemanden am Steg gebeten, nach dem Bug zu sehen, aber im Grunde war das gar nicht nötig. Um 11:10 bin ich fest im „Passantenhafen Heegerwâl“.
Das Wetter wird merklich schöner. Es gehen zwar immer wieder kräftige Böen durch, aber die Sonne scheint herrlich. Am kleinen Strand vor dem Hafen spielen die Kinder im Wasser. Bei mir ist das Ölzeug der kurzen Hose gewichen und im Cockpit hängen die nassen Klamotten.
In Heeg werden erstmal einige Einkäufe erledigt: Proviant wird aufgefüllt. Auch bei „De Jong Watersport“ muss ich natürlich vorbeigehen. Hier wird man eigentlich immer fündig. Und so verlasse ich dann auch den Laden um einige Euro
erleichtert, aber mit praktischen Dingen im Beutel:
- Ein Bugfender, um das Provisorium zu ersetzen (das man noch auf dem Foto sieht).
- Der originale Speedy Stitcher. Ich hatte bisher in Webshops nur schlechte Nachbauten gefunden.
- Ein Wasserkessel, der nicht nur heißes Wasser bereitet, sondern auch mit seinem heimeligen Pfeifen erfreut.
Im Logbuch vermerke ich: „Mittlerweile fühle ich mich auf dem Boot zu Hause und würde gerne noch eine weitere Woche hier verbringen.“
- August 2023 – Woudsend
994 hPa
Um 11:15 lege ich in Heeg ab. Ich muss dabei den Bug durch den Wind drehen. Damit das gelingt, drehe ich mich um eine Leine, die ich um den lee-seitigen Pfahl gelegt habe. Das gelingt sehr gut und der Nachbar guckt anerkennend.
Nun geht es erstmal raus aufs Heegermeer, denn ich möchte nicht nach Hause fahren, ohne wenigstens einmal die Segel gesetzt zu haben. Da es recht gut weht und sich in der Ferne schon die angesagten Regenwolken zeigen, belasse ich es beim Vorsegel. Zunächst teste ich aus, ob das Boot unter Motor im Wind bleibt. Tatsächlich funktioniert das recht gut. Zumindest unter diesen Bedingungen ist es kein Problem, die Pinne zu arretieren und auf das Vorschiff zu gehen. Doch so richtig komme ich mit dem Mechanismus nicht zurecht, der hier verbaut ist. Man klappt einen Metall-Kamm hoch und rastet die Pinne in eine passende Lücke ein. Das ist recht statisch und auch unpraktisch, da der Kamm immer wieder herunterklappt. Aber zu Hause liegen schon die Teile, um hier eine andere Lösung zu montieren.
Schließlich ist die Fock gesetzt und wir machen, obwohl sie noch nicht gut steht, bereits 4,5 Knoten Fahrt. Das Einholen funktioniert auch gut. Ich hatte die Endlosleine des Fockrollers so gelenkt, dass sie übereinander durch die Leitbügel läuft. Die Leine ist schon etwas älter und wird langsam steif. Wenn beide Teile parallel laufen, blockiert sie. Und nun Segel wieder gesetzt und ich probiere verschiedene Kurse aus.
Mittlerweile sind die dunklen Wolken über mir und es frischt merklich auf. Also will ich die Fock einholen und unter Motor im Kanal nach Woudsend fahren. Aber auch im Wind liegend ist so viel Druck auf dem schlagenden Vorsegel, dass es sich im oberen Bereich nicht richtig einrollen will. Vielleicht, so kommt mir später in den Sinn, passte die Spannung des Vorstages auch nicht. Ein weiterer Versuch bleibt erfolglos. Daher fahre ich zunächst in den Windschatten der kleinen Insel vor Heeg. Mittlerweile weht der Wind so stark, dass auch hier einiges los ist. Aber es hilft nichts. Nach dem nächsten Versuch hat sich das Vorsegel irgendwie ineinander verschlungen. Also muss ich nach vorne und das Segel auseinander ziehen. Es will sich einfach im oberen Teil nicht einrollen. Ich überlege noch kurz, ob ich das Segel einfach runterhole, entscheide mich dann aber dafür, in den Kanal zu fahren. Hier ist der Wind tatsächlich weniger stark und so kommen wir mit intaktem Vorsegel bis zur Hafeneinfahrt.
Und genau hier legen Wind und Regen nochmals ordentlich zu. Ich kann nicht erkennen, wo eine Box frei ist. Daher
rufe ich im Hafen an und bitte um Hilfe. Box 49 soll es sein. Die kenne ich schon vom Beginn unseres Urlaubes. Ich fahre also in die
Boxengasse ein. Der Wind wird uns in die Box drücken. Gut, dass jemand am Steg stehen wird. Ich lenke in die Box und bin
schon halb drin, da ruft mir der Helfer zu, ich solle doch in die übernächste Box fahren. Statt das Manöver erstmal
zu beenden, breche ich Depp ab; und damit beginnt das Chaos. Ich werde zum Spielball des Windes. Mein Helfer springt auf
ein nebenliegendes Boot, greift sich meinen Bugkorb und führt ihn herum. Da kommt schon der Hafenmeister und fragt, was
er denn da mache. Ich solle doch in Box 49 anlegen. Also wieder alles retour und zurück an den Platz, an dem ich eigentlich
schon fast angekommen war.
Learning: Ich bin der „Kapitän“ und entscheide. Ohne wirklich triftigen Grund breche ich ein funktionierendes Manöver
nicht ab. Ich hätte besser erstmal festgemacht. Über ein eventuelles Verholen hätten wir dann immer noch diskutieren können.
Das Manövrieren im Hafen mit dem Außenborder ist nicht einfach. Die Pinne ist immer im Weg. Diese klappe ich vielleicht besser hoch, mache sie fest und steuere nur über den Motor.
Nun also Aufräumen und das morgige Auskranen vorbereiten. Aber so richtig Lust habe ich nicht, und so lasse ich es ganz gemächlich angehen.
Abends gibt es Reste aus der Kombüse.
4. August 2023 – Joure & Düsseldorf
1009 hPa
Heute ist das Wetter schön. Ideales Segelwetter haben wir. Und ich muss nach Hause fahren. Zu allem Übel ist gestern Abend das Gas zu Ende gegangen, sodass ich mir nicht mal einen Kaffee kochen kann.
Boot ausräumen, Segel abschlagen, Deck schrubben, Kajüte putzen. Das Boot hängt am Kran. Verzurren und reisefertig machen dauert eine weitere Stunde und dann wird Kurs Heimat gesetzt. Nach etwa vier Stunden bin ich wieder zu Hause und freue mich schon auf die nächste Ausfahrt mit unserer Charlie.